Richard Wagner – Parsifal

Werkschau-CD zur Premiere 2004

 

 

Werkschau Parsival 2004
Die CD zum “Bühnenweihfestspiel” beleuchtet die Hintergründe der Historie und der aktuellen Produktion. Sie vereint Auschnitte aus einem Interview mit dem Regisseur Christoph Schlingensief, Äußerungen des Dirigenten Pierre Boulez und Statements der Bühnenbildner, bietet aber auch präzise Einblicke in die Problematik des Werks.

Sprecher:
Hans-Walter Bottenbruch
Dorothee Storm

Interviews:
Christoph Schlingensief, Ruhrfestspielhaus Recklinghausen, 2004
Daniel Angermayr, Voxi Bärenklau, Thomas Goerge, Festspielhaus Bayreuth, 2004

Musik:
Parsival, Bayreuth 1951
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele
unter der Leitung von Hans Knappertsbusch

Text und Dramaturgie:
Dr. Frank Piontek

Idee und technische Realisation:
Volker Hahm
Jörg Taubenreuther
Manfred Hübel

Aufnahmen und Mischung:
TonRaum Bayreuth

Mastering:
Pauler Acoustics, Northeim

Foto und Covergestaltung:
mob-art

Produktion:
Audiotransit 2004

Inhalt der CD
Werkschau Parsifal 2004 – die CD zum „Bühnenweihfestspiel“ beleuchtet die
Hintergründe der Historie und der aktuellen Produktion. Sie vereint
Ausschnitte aus einem Interview mit dem Regisseur Christoph Schlingensief,
Äußerungen des Dirigenten Pierre Boulez und Statements der Bühnenbildner,
aber auch präzise Einblicke in die Problematik und des Werks.

1.Ankunft in Bayreuth
2.Parsifal im Fluß
3.Von der Musik
4.Schlingensief
5.Mehr als eine Oper

Entgrenzung und Erlösung
Zum Werk von Christoph Schlingensief

Ich glaube, die schönsten Obsessionen sind die Dinge, die man nicht
versteht, die einen aber immer wieder treiben. Und deshalb bin ich auch
auf der Flucht vor denen, die mir immer erklären wollen, warum ich das und
das mache.

„In Männermagazinen wird Schlingensief als der große
Schock-Tabubruch-Zampano geliebt; dem Kulturmanagement gilt er als
Hoffnungsträger einer neuen, Medien, Zielgruppen und eine Vielfalt
politischer und ästhetischer Orientierungen integrierenden
Wunder-Gesamtkünstlerkunst“ – so zugespitzt hat Diederich Diederichsen den
Regisseur des Bayreuther Parsifal 2004 beschrieben. Daß die Ideenmaschine
Christoph Schlingensief, der Meister der Entgrenzung, einmal am Grünen
Hügel inszenieren würde, war nicht unbedingt zu erwarten – aber viele
Elemente seiner bisherigen Arbeit zeigen, daß ihn mit Richard Wagner seit
je ein beinahe intimes Verhältnis verband – auch mit dem „deutschen
Wesen“, das für Wagner ein lebenslanges Thema war.

1960 wird Schlingensief in Oberhausen geboren.

1982 gründet er eine Filmfirma und realisiert u.a. eine Filmtrilogie, die
sich dem filmischen Realismus verweigert.

1989 bis 1992 entsteht seine Deutschlandtrilogie, die ihn schlagartig
bekannt macht. 100 Jahre Adolf Hitler – Die letzten Stunden im
Führerbunker, Das deutsche Kettensägermassaker und Terror 2000 –
Intensivstation Deutschland reflektieren auf drastische Weise die jüngste
und etwas ältere deutsche Geschichte. Mit den Stilmitteln des Horrorfilms
und des splatter movies treibt der Regisseur seine Kritik auf die
satirische Spitze.

1993 findet die Filmtrilogie ihre Fortsetzung im Theaterabend 100 Jahre
CSU – Spiel ohne Grenzen, mit dem er an der Berliner Volksbühne als
Hausregisseur einsteigt. Schlingensief setzt auch christologische Symbole
ein, um das Spiel über Gewalt und Politik in Szene zu setzen. Auch in der
Grazer Aktion Hurra, Jesus! Ein Hochkampf spielt er im selben Jahr mit
kirchlichen Elementen: eine Auseinandersetzung mit einer Welt, die sich
nicht mit Mißständen beschäftigt, sondern auf Erlösung hofft.

1996/97 folgen verschiedene Theaterabende an der Volksbühne, deren Ablauf
auch dem freien Spiel der Improvisation gehorcht (Rocky Dutschke, `68,
Schlacht um Europa I-XLII – Ufokrise 97). Das Hörspiel Rocky Dutschke
zitiert u.a. Musik von Wagner, etwa aus der Götterdämmerung.

1997 parodiert er mit der Talkshow Talk 2000 den Unsinn der TV-Talkshow
wie er 2002 mit Quiz 3000 das Unterhaltungsquiz karikiert. Aufklärung, die
sich nicht sozialpädagogisch, sondern als Uminszenierung sozialer und
gesellschaftlicher Wirklichkeit versteht, betreibt er auch bei anderen
Aktionen: der Obdachlosen-Aktion Passion impossible, der Gründung der
Chance 2000-Partei, dem Wahlkampfzirkus 98 und der Aktion Künstler gegen
Menschenrechte.
1998, im Jahr der Parteigründung, beginnt Schlingensief über eine
Präsentation von Wagners Ring in Afrika nachzudenken. Für ein großes Label
präsentiert er kurz darauf ausgewählte Wagner-Musik für eine CD-Produktion.

1999 hat Die Berliner Republik an der Volksbühne Premiere. Hier träumt der
größenwahnsinnige Bundeskanzler Schröder davon, den Ring in Afrika
aufzuführen. In seiner Deutschlandsuche 99 knüpft Schlingensief an die
Motive des Theaterstücks an: u.a. mit einer Wagner-Beschallung in zehn
deutschen Städten und der ersten Wagner-Rallye im ehemaligen
Deutsch-Südwest, dem heutigen Namibia.

2000 veranstaltet er während der Wiener Festwochen die vielbeachtete,
angefeindete und gelobte Aktion Ausländer raus! – Bitte liebt Österreich:
auch dies als Beitrag zur fälligen Diskussion über skandalöse Zustände.

2001 inszeniert er sein bislang einziges „klassisches“ Stück –
Shakespeares Hamlet – am Zürcher Schauspielhaus, um es durch die
Integration ausstiegswilliger Neonazis deutschlandgeschichtlich
umzufunktionieren. Im selben Jahr hat Rosebud – das Original an der
Berliner Volksbühne Premiere. „Porn to be Wagner“ – unter diesem Motto
werden Walküren zur Welt gebracht. Hier tauchen schon die Titel späterer
Aktionen auf: Church of fear, Atta Atta.

2002 präsentiert Schlingensief mit Freakstars 3000 das erste
Behindertenmagazin des deutschen Fernsehens. Die Frage wird aufgeworfen,
wer eigentlich behindert ist: die „Normalen“ oder die „Behinderten“.
Aufgrund der Aktion wird die Band „Mutter sucht Schrauben“ gegründet, die
immer noch aktiv ist.

2003 kommt der erste Atta-Abend an der Berliner Volksbühne heraus: Atta
Atta – Die Kunst ist ausgebrochen. Hier wird der Zusammenhang von Kunst
und Terror – nach der Erfahrung des Attentats des Terroristen Atta auf das
World Trade Center – beleuchtet. Schlingensief dirigiert hier Teile des
Tannhäuser. Auch in Atta Atta geht´s um „Erlösung“. Zentral ist die Frage:
„Was sind die Waffen der Kunst?“ Es geht, so der Regisseur, „um die Idee
des Verrats: Ich kann dir nicht helfen, aber ich bin bereit zu
untersuchen, woran es liegt.“ Atta Atta spielt in einer
„Campingkunstkommune, die gleichzeitig Ausbildungslager einer
amerikanischen Fliegerstaffel, afghanisches Flüchtlingslager und
Arbeitslosenslum sein kann“ (so Andreas Schäfer in der „Berliner
Zeitung“). Schlingensief spielt die symbolische Ordnung des (Selbst-)
Opfers durch, das nun in der Gestalt des Künstlers Tannhäuser aufgerufen
wird. So bindet er Wagner an die gegenwärtige Politik und das Scheitern
der Kunst. Wieder zitiert er christologische Elemente, die auch in
Parsifal eine Rolle spielen.

Im März gründet er neben anderen, in Reaktion auf den Terror und die
Terrorabwehr nach dem 11. September, die Church of Fear: „Die ist keine
Kunstkirche, sondern eine Gemeinschaft von Terrorgeschädigten, die sich
außerhalb des Kunstraums gegründet hat.“ Glaubensinhalt der Kirche ist das
Bekenntnis zur „Angst als Privateigentum“: „Wir sind nicht mehr bereit,
unsere Ängste und Sorgen in die Waagschale politischer Machtverhältnisse
zu schmeissen. Die hat kein Zentrum, keinen Vatikan und keine Kaaba.“ Im
Sommer erreicht ihn der Parsifal-Ruf aus Bayreuth. Im August fliegt er
nach Bhaktapur (Nepal), auch auf der Suche nach buddhistischen Elementen
des Parsifal. Mit der Angstkirche, dieser gegen den „Staatsterror“
gegründeten Mischung aus ernsthafter und parodistischer Erweckungskirche,
gastiert er im Herbst auf der Biennale, wo sieben Pfahlsitzer sieben Tage
lang betrachtet werden können. Eine kleine Holzkirche bleibt der
Ausstellung erhalten. Im September zieht er in einer Ein-Mann-Prozession
(Schreitender Leib) nach Frankfurt, wo die Church of Fear ihren ersten
Säulenheiligen suchen will. Die Aktion endet mit einem Abendmahl im
Bockenheimer Depot. Im Dezember folgt als zweiter Teil der Atta-Trilogie
am Wiener Burgtheater die Uraufführung von Bambiland, in dem etwa fünf
Prozent des von Elfriede Jelinek bereitgestellten Textes verwertet werden:
als Material für ein Stück über den (Irak-)Krieg. „Der Abend beginnt, wie
auch Atta Atta begann,, Schlingensiefs Auseinandersetzung mit Terror,
Kulturbetrieb und eigener Biografie – alles Selbstzitat und Fremdzitat.
Ein plätschernder Anfang, ein bißchen Actionpainting mit dem Hintern, ein
bißchen Kunstbetriebsparodie, ein paar Pointen. Eine Ouvertüre, vielleicht
sogar das Instrumentestimmen davor – dann wird das Proszenium eingerissen
und der Blick frei auf den Raum dahinter: Parzivalland“ (so Florian
Malzacher in der „taz“). Dieser Abend ist ein weiterer Schritt auf der
Suche nach dem Leben, und mit Parsifal hat Schlingensief ein Bild für
dafür gefunden: „Mit seinen Augen stapft er durch eine Welt der Angst, des
Terrors, des Krieges, des Chaos.“ Der Bayreuther Parsifal 2004 wird
zunächst als weiterer Teil der Church of Fear angekündigt.

2004 inszeniert Schlingensief am Zürcher Schauspielhaus, wieder nach einem
Text von Elfriede Jelinek, den dritten Teil der Atta-Trilogie: Attabambi
Pornoland – Die Reise ins Schwein, eine theatralische Abhandlung über „das
Schwein, das in jedem von uns grunzt.“ Angekündigt wird der Abend, im
wagnerschen Stil, als „asketischer Liebes- und Todesgesang“. Auch hier
spielt der religiöse Erlösungsgedanke eine zentrale Rolle. Tannhäuser und
Parsifal werden zitiert, auch das blutige „Orgien-Mysterien-Theater“ des
Wiener Aktionisten Hermann Nitsch. Kundry, Franz Liszt und Richard Wagner
spielen ihre Parts wie Familie Schlingensief. Gral, Lamm und Pilgerstab
dienen als Requisiten. Amfortas´ Wunde hängt an Parsifals „Blutpumpe“
(„Die Blutpumpe macht ernst mit dem Aktionismus. Blut ist die physische
Determinante im sozialen Organismus, die in ihrer praktischen Ausrichtung
ungenügend vorkommt. Der Parsifal-Amfortas-Automat demonstriert das
Spektrum der Möglichkeiten einer symbolischen Blutverteilung. Die
Blutpumpe liefert die Praxis.“). Das Vorspiel auf dem Theater zeigt eine
Seifenoper im Hause Wagner. Es geht, so Schlingensief, darum, „die
Erlösung herbeizuficken.“ „Niemand“, so Martin Halter in FAZ, „stellt dem
Mann, der Wagner, Amfortas, Parsifal und Menschenschwein zugleich sein
will, die Mitleidsfrage, und deshalb gibt er sich selbst die Antwort:
`Weitermachen war mal. Jetzt heißt es nur noch, aber immerhin,
weitersterben.“ Indem er den Sex und das Blut mit der Religion koppelt,
variiert Schlingensief Wagners ungelöstes Parsifal-Problem. Die Diskussion
um die angebliche „religiöse Pornographie“ schlägt hoch. Gegen den Vorwurf
der „Pornographie“ wendet er ein, daß eher manche Parlamentssitzungen, der
Irak.-Krieg oder der 11. September pornographische Akte seien.
Anfang Mai startet die von Schlingensief organisierte, auf einer erzählung
von Alexander Kluge basierende Wagner-Rallye der Ruhrfestspiele
Recklinghausen: auf der Suche nach Wagner und der Ruhr („In der Ruhr liegt
die Kraft“). Am 12. und 13. Juni kann man im Bayreuther ZENTRUM
Schlingensief kennenlernen. Zwei Tage später beginnen die Proben zum
Bayreuther Parsifal 2004.

Frank Piontek

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