Richard Wagner – Tristan und Isolde

Werkschau-CD zur Premiere 2005

 

 

Werkschau Tristan 2005
Die CD zur „Handlung“ beleuchtet die Hintergründe der Historie und der aktuellen Produktion. Sie vereint Ausschnitte aus einem Interview mit dem Regieteam und aus Gesprächen mit den Sängern, bietet aber auch präzise Einblicke in die Problematik des Werks.

Sprecher:
Hans Walter Bottenbruch
Ursula Illert
Hubert Burczek

Interviews:
Die Interview-Ausschnitte mit dem Regisseur Christoph Marthaler, der Bühnenbildnerin Anna Viebrock und dem Dramaturgen Malte Ubenauf entstammen dem am 25. 7. 2005 in Bayern4 Klassik gesendeten Gespräch, das Michael Schmidt geführt hat.
Martin Snell, Festspielhaus Bayreuth, August 2005

Musik:
Tristan und Isolde, Festspiele Bayreuth, 1952
Dirigent: Herbert von Karajan
Tristan: Ramon Vinay
Isolde: Martha Mödl

Text und Dramaturgie:
Dr. Frank Piontek

Regie:
Amelie Beer

Inhalt der CD
Die CD zur „Handlung“ beleuchtet die Hintergründe der Historie und der aktuellen Produktion. Sie vereint Ausschnitte aus einem Interview mit dem Regieteam und aus Gesprächen mit den Sängern, bietet aber auch präzise Einblicke in die Problematik des Werks.

1. Gottfried
2. Gottfried Tristan
3. Kritik
4. Liebesnacht
5. Tristan inszenieren
6. Bayreuth 2005

Tristan und Isolde und andere Katastrophen
Nach Tristan gibt es nur noch zwei Parteien – die Leute, die etwas gelernt und die, welche nichts gelernt haben.
Hans von Bülow

Zuvor eine banale Mitteilung: Christoph Marthaler wurde am 17. Oktober 1951 in Erlenbach geboren. Seitdem beschäftigt er, beschäftigt ihn die Welt: vor und auf dem Theater, auf der Opernbühne.
Musik war immer: der junge Schweizer absolvierte ein Musikstudium in Zürich und eine Pantomimenausbildung (bei Jacques Lecoq in Paris). Dann war er, in den Siebzigern und Achtziger Jahren eines vergangenen Jahrhunderts, als Theatermusiker an mehreren deutschsprachigen Bühnen tätig – aber bald schon schuf er erste kleine musiktheatralische Projekte in seiner Heimat, der Schweiz. Wenn Kerstin Spechts Definition stimmen sollte, daß Heimat dort sei, wo man seine Schmerzen habe, dann ist Marthalers Heimat die der Welt, die er in seine Inszenierungen in und außerhalb der Schweiz hineinholte. Wichtig wurde die Arbeit am Theater Basel, an das ihn 1989 der Intendant Frank Baumbauer holte. Hier veranstaltete er seine ersten Liederabende und Inszenierungen, und hier traf er auch seine permanente Bühnenbildnerin und seine Dramaturgin. Anna Viebrock und Stefanie Carp gehören seitdem, schlechthin symbiotisch, zu Marthaler. Musiktheatralische Projekte folgten: in Hamburg, Berlin und Zürich. Ab 1993 war er als Hausregisseur am Deutschen Schauspielhaus Hamburg engagiert (wieder unter der Intendanz von Frank Baumbauer), auch bei Frank Castorf an der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz im Kontrakt. Seit 1994 inszeniert Christoph Marthaler auch Opern, zumal mit dem Dirigenten Sylvain Cambreling: in Frankfurt, Berlin, Wien und Salzburg. Verschiedene Preise folgten: 1996 erhielt er den Konrad-Wolf-Preis, 1997 gemeinsam mit Anna Viebrock den Bayerischen Theaterpreis und den Fritz- Kortner-Preis sowie 1998 den Europa-Preis für „Neue Wirklichkeiten des Theaters“ in Taormina. In den Jahren 1997 erhielt er den Ritterschlag: in der Kritikerumfrage von Theater heute wurde er zum Regisseur des Jahres gewählt, zwei Jahre später ein zweites Mal. 2001 ereilte ihn schließlich das Schicksal, Intendant zu werden: er wurde es am Züricher Schauspielhaus, dass er nach politischen Auseinandersetzungen 2004 vorzeitig wieder verließ. Im selben Jahr erhielt er zusammen mit Anna Viebrock den Berliner Theaterpreis, gleichzeitig den Ruf nach Bayreuth.
Die Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen ist nur der vorläufige Höhepunkt einer Reihe von Regiearbeiten für das Musiktheater. Prinzipiell könnte jede Marthaler-Inszenierung als musiktheatralische Arbeit bezeichnet werden – denn Marthalers Figuren können ohne Musik, besonders ohne den Gesang, nicht leben. Er bringt in so ziemlich jedem Marthaler-Stück die Figuren auf heiterste, traurigste Weise zusammen: „Singen macht gleicher.“ Kein schlechtes Motto für den Regisseur eines Bayreuther Tristan 2005.
Eine seiner schönsten Inszenierungen widmete sich dem Phänomen Oper auf unvergeßlich tiefsinnige, auf entfesselt komische wie erschütternd einsame Weise: The Unanswered Question. 1997 hatte die zweiteilige Collage in Basel Premiere. Insbesondere der erste Teil sorgte für Furore bei den Freunden der Oper, die die Gleichzeitigkeit von hohem Ton und gelinder Ridikülität zu schätzen wissen. Tatsächlich gelang dem Regisseur zusammen mit seinem Kapellmeister, dem ingeniösen Jürg Henneberger, eine bewegende Hommage an die Kunstform Oper. Die Sänger sitzen, lange wartend, in einem abgenutztem Vereinslokal an den Tischen, an denen vorher und nachher viele Marthaler-Menschen saßen und sitzen werden. Ein Chor hebt immer wieder an, um „Grüß euch Gott, alle miteinander“ aus Carl Zellers Vogelhändler zu singen (und schnell abzubrechen), zwei schwatzende Moderatoren stören und zerstören in penetranter Manier die „schönsten Nummern der Operngeschichte“, und die Sänger – unter ihnen Martin Snell, der Bayreuther Steuermann – üben sich in komischen Einlagen, vergeblichen Annäherungsversuchen und heroischen Gesten, die angesichts der objektiven Komik scheitern müssen. Ein Hausmeister – auch er eine typische Marthaler-Figur, die der Regisseur wie den Bayreuther Hirten gleichsam von der Straße holte – läuft kichernd durch die Szene, der Tenor verliert die Hosen, ein Tänzer übt sich in wunderlichen Tanzschritten. Lächerliche Werbeübertitel in dänischer, chinesischer und schwyzerdütscher Sprache flimmern derweilen über der Halle, das Tempo zieht an, von den „berühmtesten Nummern“ werden nur noch die ersten Takte gespielt, um brutal gekappt zu werden – und plötzlich erfüllt eine geheimnisvolle Musik den Raum: Charles Ives Unanswered Question. Die Bühne versinkt in Dunkelheit, die Sänger gehen wieder zu ihren Tischen – und warten. Warten auf etwas, was nur geahnt werden kann: die Liebe? Der Sinn des Lebens? Die Rettung der Kunst?
Mit Pelléas und Mélisande hatte sich Marthaler drei Jahre zuvor zum ersten Mal professionell der Großen Oper gewidmet – auffälligerweise also mit einem Stoff, der dem Tristan, in historischer, dramaturgischer wie musikalischer Hinsicht, so verwandt ist. Auch Giuseppe Verdis Luisa Miller spielt mit der Liebe, die eingebunden ist in die Konventionen einer bürgerlichen Zwangsgesellschaft. „Marthaler läßt“, wie Hans-Klaus Jungheinrich schrieb, „die demonstrativen Gefühle im dramatischen Kontext lügenhaft kontaminiert erscheinen.“ Auch diese Skepsis vor dem, was die Große Oper, das Kraftwerk der Gefühle, als „große Emotion“ scheinbar bereits hält, fand ihren Widerhall in der Bayreuther Tristan-Inszenierung. Mißtraute da einer zu sehr der Musik? Oder nahm er sie so ernst, daß er das Flackernde der gebrochenen Gefühlswelt gerade in ihr entdeckte?
Auch die Inszenierung des Fidelio verzichtete auf die Gesten des Pathetischen. Immer mehr trat das Komische dem Langsamen auch in den Operninszenierungen an die Seite. Die Ästhetik des abgenutzt Alltäglichen wurde auch für die Salzburger Katja Kabanowa genutzt, die in einem Wohnblock des Realen Sozialismus ihren Kunst-Ort hatte. Mozarts Le Nozze di Figaro unterzog er dann einer radikalen Verjüngungskur, indem er in die Instrumentation und das Tempo der Musik eingriff: auch, um klarzumachen, daß die Stoffe der großen Opern vielleicht gefahrlos in heutige Klangbilder übersetzt werden können.
Immer wieder weht Musik durch Marthalers Inszenierungen, immer wieder singt da jemand, tun sich Schauspieler und Sänger zusammen, um im Gesang zu sich selbst zu kommen. Kaum ein zweiter Schauspielregisseur der Gegenwart hat ein so inniges Verhältnis zur Musik: „Ich kenne viele Leute, die ohne Musik auskommen. Mein Leben kann ich mir ohne Musik nicht vorstellen, auch meine ganze Entwicklung nicht. Die Musik spielt eine wesentliche Rolle. Ich denke in einer Art von Klängen und Intervallen. Ich denke in musikalischen Formen. Ich bin auf Klänge überempfindlich. Es gibt auch die Kehrseite: Töne können mich wahnsinnig machen, schneller als sonst etwas. Deswegen mag ich auch ein großes Spektrum von Musik.“ Wie gesagt: „Singen macht gleicher“. Ein schöner Traum, auch ein schöner Traum von Tristan und Isolde…

Frank Piontek

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